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Leserbrief zum Artikel „Freiwilligenarbeit zwischen Überforderung und Freude“ von Reinhard Ehgartner

in: Büchereiperspektiven 01/2012, S.18f.

Lieber Dr. Reinhard Ehgartner!

Sie schreiben: „Die Stärken der Freiwilligentätigkeit sind offensichtlich: Eine Vielzahl motivierter Menschen … können in einer öffentlichen Einrichtung viel bewegen“ und verknüpfen damit in für mich unzulässiger Weise Motiviertheit ausschließlich mit Freiwilligkeit. In 20 Jahren Mitarbeit im Arbeitskreis kritischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (KRIBIBI) habe ich sehr viele hoch motivierte ehrenamtlich arbeitende BibliothekarInnen (vor allem –innen) kennengelernt. Daher traue ich mich zu sagen: Es wäre ein Fehlschluss anzunehmen, alle diese Personen würden mit einem Schlag von engagierten KollegInnen zu Faulpelzen mutieren, sobald sie nur für ihre Arbeit bezahlt würden. Wenn dem so wäre, dann existierten die wissenschaftlichen Bibliotheken, die ja den Faktor Freiwilligenarbeit nicht kennen, schon lange nicht mehr. (Ich kann jedenfalls für meine Person nicht feststellen, dass ich in meiner beruflichen Tätigkeit für die Büchereien Wien weniger engagiert wäre als in meiner ehrenamtlichen Arbeit z.B. für KRIBIBI.)

Büchereiarbeit ist eine Arbeit wie jede andere auch – warum sollte sie gratis ausgeübt werden?“, zitiert Maria Binder aus Kaltenleutgeben in einer über Bibmail ausgesendeten Stellungnahme eine ehemalige Kollegin in der Büchereistelle für Niederösterreich. Dieser Aussage bzw. Frage kann ich mich nur anschließen. Ich habe es immer als Missachtung meiner ehrenamtlich arbeitenden KollegInnen empfunden, dass ihr Bedürfnis, für die Allgemeinheit zu Leistungen zu erbringen, schamlos ausgenutzt wird, nur weil die Öffentliche Hand nicht bereit ist, Geld in eben diese zu nehmen. Solange es in Österreich kein bedingungsloses Grundeinkommen für alle gibt, sollten wir Freiwilligenarbeit – so wichtig sie gegenwärtig auch ist – nicht beschönigen, sondern als das erkennen, was sie weithin ist: Ein schaler Ersatz für Berufstätigkeit vor allem für Frauen, die aus gesellschaftlichen, familiären oder persönlichen Gründen keinen bezahlten Arbeitsplatz haben können oder wollen. Und auch denjenigen, die tatsächlich nicht berufstätig sein wollen, würde es nicht weh tun, wenn sie für ihre Büchereiarbeit wenigstens eine adäquate Entschädigung (mit Pensionsanspruch!) bekämen.

Der Vergleich mit „den Niederlanden, Großbritannien und Schweden“ in Bezug auf den hohen Anteil an Freiwilligenarbeit hinkt meiner Meinung nach. Ich habe keine Informationen darüber, dass gerade in den genannten Ländern Freiwilligenarbeit in Bibliotheken ein Thema wäre. Was zumindest zwei dieser Länder (GB, S) allerdings haben sind Bibliothekengesetze, die Büchereien zu einer Pflichtaufgabe für Kommunen erklären – und Pflichtaufgaben lassen sich nun einmal nicht mit Freiwilligen bewältigen.

Was Österreich daher mehr als nötig bräuchte wäre eine gesetzliche Regelung für das Bibliothekswesen (am besten für wissenschaftliche und öffentliche Bibliotheken gemeinsam, denn „Öffentliches und Wissenschaftliches Bibliothekswesen … nähern sich einander an“, schreibt Barbara Smrzka im selben Heft auf S. 12). Wenn dieser Schritt erst einmal geschafft ist, können wir immer noch über freiwillige Zuarbeit zu im Wesentlichen hauptamtlich betriebenen Büchereien reden. Bis dahin muss man aber von einem apartheid-ähnlichen Zustand in der österreichischen Bibliothekslandschaft sprechen: Beamtete oder vertraglich angestellte KollegInnen in den wissenschaftlichen Bibliotheken, freiwillig tätige und nicht bezahlte MitarbeiterInnen in den öffentlichen Büchereien. Apartheid sollten wir alle uns allerdings nicht länger gefallen lassen!