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Open Access als demokratisches Prinzip

Von Nikolaus Hamann

1. Einleitung
2. Open Access als Teilmenge des Prinzips Offenheit
3. Bibliotheken und Open Access
4. Grenzen und Kritik von Open Access
5. Open Access und Nord-Süd-Beziehungen
6. Résumé aus (linker) bibliothekarischer Sicht

1. Einleitung

Privatisierung und Verknappung sind hinderlich und haben spätestens dann keine Berechtigung mehr, wenn es ums Überleben geht. Stattdessen sollten die Parolen gelten: Aufhebung aller Patente! Freiheit für den Erfindergeist! Kopiert global und schrankenlos! Macht Euch zu Diensten was Euch nützlich ist! Schleift die Mautstellen! Entmachtet die Wegelagerer, die von Euch Zölle verlangen, wenn Ihr Euch bilden wollt!

Solche Appelle wären noch vor 20 Jahren ultraradikale Phrasen gewesen. Heute dagegen stehen die technischen Mittel bereit, um die Gesamtheit des […] wichtigen Wissens so aufzubereiten, dass es möglichst viele verstehen, es so zu verbreiten, dass es alle Erdenmenschen unentgeltlich nutzen können, und so zu präsentieren, dass die Veränderung für eigene Zwecke möglich ist. Solche Darstellungen und Verbreitungen liegen im gemeinsamen Interesse der Menschheit. Deshalb sollten sie ausdrücklich mit dem Zweck des Kopierens und Adaptierens zur Verfügung stehen. Was man heute mit großem Aufwand zu verhindern versucht oder nur stillschweigend duldet, die Verbreitung ohne Zahlung, sollte zum expliziten Ziel werden. Was vom bürgerlichen Standpunkt wie ein gigantischer Raubzug aussieht, wäre tatsächlich eine Wallfahrt für das gemeinsame Wohl.“1

Diese von Hans Thie, dem Wirtschaftsreferenten der Fraktion DIE LINKE im deutschen Bundestag ursprünglich auf den „ökologischen Geist“ gemünzten Sätze können unverändert auch für den „Geist der Offenheit“ in Wissenschaft und Kunst verwendet werden, denn „bei rein geistiger Produktion, also dort, wo geistige Betätigung nicht nur Mittel, sondern Selbstzweck des Wirtschaftens ist, kommen die bürgerlichen Verhältnisse grundlegend ins Rutschen. Hier wanken die bisherigen Gesetze der Ökonomie und zugleich ihre bürgerlichen Formen. Hier ist tendenziell alles anders. Der Geist ist freier Commonist, nicht elitärer Bürger“.2

In der Ökonomie des Geistes gilt laut Thie der Grundsatz, dass sie umso produktiver sein kann, je allgemeiner sie ist und je mehr sie ihrer bürgerlichen Eigentumsform entrissen werden kann. Offenheit als politisches Prinzip bedeutet also, Ergebnisse der Wissenschaft und der Kunst nicht mehr primär in ihrer Warenform, sondern als weltweites gesellschaftliches Eigentum zu betrachten.

Dies bedeutet aber per se noch nicht, dass damit quasi automatisch die bürgerlichen Verhältnisse in eine neue, wie auch immer bezeichnete Gesellschaftsform transformiert würden, denn – wie die Initiativen vieler Verlage in Richtung Open Access zeigen – es lassen sich solche Modelle durchaus in die kapitalistische Verwertungslogik einbauen. Auch das intensive Engagement des Börsenspekulanten George Soros weist in diese Richtung. Auf jeden Fall aber hat das Prinzip Offenheit eine emanzipatorische Funktion und bedeutet eine Demokratisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse, da sich Wissen und Werke der Kunst auf diese Art leichter und schneller verbreiten lassen, weniger leicht der Willkür der Verlage oder staatlicher Zensur unterworfen werden können, die weltweite Kommunikation fördern und daher auch den weniger entwickelten Ländern neue Chancen eröffnen. Bezieht sich das Prinzip Offenheit auch auf politische Entscheidungen und Akte der Verwaltung, so befördert dies die Transparenz derselben und gibt den Citoyens größere Chancen auf ihre Lebensumstände Einfluss zu nehmen.

2. Open Access als Teilmenge des Prinzips Offenheit

Geistige Produkte via Internet und WWW als öffentliches Gut zur Verfügung zu stellen ist der wesentliche Inhalt des Prinzips Offenheit in einer digitalisierten Welt. Diese Offenheit kann auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Wirkungen erreicht werden (Open Access, Open Data, Open Science, Open Source …). Für diesen Artikel soll vor allem Open Access beleuchtet werden, da dies für Bibliotheken die größte Relevanz besitzt.

Die Idee des Open Access entspricht ganz den traditionellen Werten und Zielen akademischen Arbeitens, das auf Kollegialität, dem Austausch von Ideen und Ergebnissen, der gemeinsamen Suche nach Erkenntnis und der Verbreitung von Wissen zum Wohle der Gesellschaft insgesamt beruhen. Erst das digitale Zeitalter ermöglicht einen gemeinsamen freien Zugang zu wissenschaftlicher Erkenntnis und zu Forschungsdaten, wie er zuvor unter den Bedingungen des Druckzeitalters nicht denkbar war. Entscheidend dabei ist die Auswirkung dieses neuen Instruments auf die Entwicklung einer Gesellschaft, die den Leitbegriffen von Open Scholarship und Open Knowledge verpflichtet ist.“3

Auch wenn die Idee Open Access schon länger in den Köpfen fortschrittlicher WissenschaftlerInnen vorhanden gewesen sein mag, so war doch wesentlicher Auslöser für die Open-Access-Bewegung die sogenannte Zeitschriften– und Monographienkrise am Ende des 20, Jahrhunderts. Die Preissteigerungen bei wissenschaftlichen Zeitschriften betrug zwischen 1986 und 2000 durchschnittlich sagenhafte 226 Prozent4. Da durch diese Verteuerung die Aufwendungen der Bibliotheken bis zu 90% allein für den Zeitschriften-Etat gebunden worden wären, mussten zahlreiche Abonnements abbestellt werden, was die Informationsversorgung für Wissenschaft und Bildung enorm verschlechterte. Dies führte zu verschiedenen Initiativen von WissenschaftlerInnen, allen voran die „Budapest Open Access Initiative (BOAI)“ 20025, in deren Nachfolge das „Bethesda Statement on Open Access Publishing“ 20036 und die „Berlin Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and Humanities” 2003.7 Aber auch große bibliothekarische Vereinigungen wie EBLIDA8 und IFLA9 verfassten Resolutionen zur Unterstützung von Open-Access-Strategien.

Ziel aller Open-Access-Initiativen ist es, Wissen und Information in digitaler Form für jedermann unentgeltlich und ohne technische oder rechtliche Barrieren dauerhaft zugänglich und nachnutzbar zu machen, was dem Fortschritt sowohl der Wissenschaft als auch der Menschheit insgesamt dient. Unterschiede gibt es in Bezug auf die Ausdehnung des Geltungsbereiches. Minimalforderung ist das Öffentlichmachen von Forschungsergebnissen, die mit Unterstützung der Öffentlichkeit erarbeitet wurden, die Maximalforderung bezieht auch Ergebnisse der Forschungsabteilungen der Wirtschaft bzw. solche, die in öffentlichen Institutionen (vor allem Universitäten und Fachhochschulen) im Auftrag der Wirtschaft erstellt wurden. In Hinblick auf die Maximalforderung werden sehr schnell die Grenzen der gegenwärtigen Open-Access-Politik sichtbar, denn Forschungsdaten z.B. der Pharmaindustrie werden von den wenigsten gedanklich – geschweige denn tatsächlich – dem Prinzip Offenheit unterworfen.

Das weite Feld zwischen Minimal– und Maximalforderung muss natürlich auch unterschiedlich begründet werden. Es ist hier nicht der Platz, alle Begründungen nachzuzeichnen. Die Begründung für die Minimalvariante baut auf der Tatsache auf, dass der größte Teil wissenschaftlicher Forschung in öffentlichen oder von der Öffentlichkeit subventionierten Einrichtungen passiert und es daher nicht einzusehen ist, warum die Ergebnisse später über die Bibliotheksetats von den Verlagen wieder zurückgekauft werden müssen, womit die Öffentlichkeit zweifach oder – wenn man die Kosten für das Peer Review dazunimmt – sogar dreifach belastet wird, während die Verlage ungerechtfertigt hohe Profite einstreifen. Für die Maximalvariante wird ins Treffen geführt, dass Wissenschaft (und Kunst), wo immer sie betrieben wird, immer auf den Leistungen anderer aufbaut bzw. sich auf diese bezieht, also ein Produkt sozialer Zusammenarbeit sind (Robert Merton), die Werke daher immer Merkmale von Gemeinsamkeit aufweisen und also auch allen gemeinsam gehören sollen.

Open Access wurde und wird immer wieder mit Open Source verglichen, doch gibt es zwischen den beiden erhebliche Unterschiede. Während bei Open Source das bestimmende Merkmal die Zusammenarbeit vieler an einem Projekt ist, findet Kooperation bei Open Access – je nach Wissenschaftsdisziplin – wesentlich seltener statt. Auch die Offenheitskonzepte differieren:

Während Open Source als Kernforderung

a. die Verfügbarkeit des Quelltextes einer Software
b. die Möglichkeit, die Software entgeltfrei zu kopieren und zu nutzen
c. die Möglichkeit, die Software zu verändern und in veränderter Form weiterzugeben
kennt, wird der Grad der Offenheit bei Open Access kontrovers diskutiert und kennt im Wesentlichen zwei Ausformungen. Während Gratis Open Access relativ eindeutig als entgeltfreier Zugang zu wissenschaftlichen Dokumenten definiert ist, wird Libre Open Access definiert als entgeltfreier Zugang, der zumindest eine Rechtebarriere der Dokumentnutzung/ –verwendung aufhebt.“10 Bearbeitung wie Weitergabe der bearbeiteten Version sind bestenfalls im Libre Open Access möglich.

Open Access (wie auch alle anderen Kategorien von Offenheit) kann nicht in gleicher Weise für Wissenschaft und Kunst gelten. Während WissenschaftlerInnen in der Regel ihre Arbeit in (mehr oder weniger) gesicherter Position vollbringen, sind freischaffende KünstlerInnen sehr wohl darauf angewiesen, ihre Werke vermarkten zu können. Daher wird es – dies nur als Nebenbemerkung – notwendig sein, das UrheberInnenrecht nach Sparten getrennt zu reformieren oder die Einkommensfrage der KünstlerInnen generell, etwa durch ein bedingungsloses Grundeinkommen, auf eine neue Basis zu stellen.

3. Bibliotheken und Open Access

Open Access kennt im Wesentlichen zwei Wege, wie Wissen und Information in digitaler Form für jedermann unentgeltlich und ohne technische oder rechtliche Barrieren dauerhaft zugänglich und nachnutzbar gemacht werden können, Der eine, nämlich der goldene Weg, ist der fundamentalere Ansatz. Neue Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung sollen gleich von Beginn weg ausschließlich in Open Acces Journals veröffentlicht werden. Finanziert wird dies durch AutorInnengebühren oder institutionelle Mitgliedschaften von Hochschulen oder Forschungseinrichtungen. Derzeit ist allerdings die Situation gegeben, dass zwar sehr viele WissenschaftlerInnen den goldenen Weg theoretisch berfürworten, praktisch aber – aus diversen Erwägungen, auf die hier nicht eingegengen werden kann – in übergroßer Mehrheit nach dem überkommenen Toll-Access-Modell, also in Subskriptions– oder Pay-per-view– Journalen publizieren.

Der grüne Weg verfolgt einen gemäßigteren, aber derzeit mehr Erfolg versprechenden Ansatz. Auch hier werden die Forschungsergebnisse zuerst einmal bei einem Wissenschaftsverlag positioniert, danach – je nach ausgehandelter Frist – auf der eigenen Website, einem Repositorium (Online-Archiv) der Institution, an der der/die WissenschaftlerIn arbeitet, oder einem institutionenübergreifenden Fachrepositorium hinterlegt und somit relativ zeitnahe der Öffentlichkeit kostenfrei weltweit zugänglich gemacht. Insofern ist der grüne Weg ein Kompromiss zwischen goldenem Weg und traditionellem Printjournal.

Hier kommen nun die (Hochschul-)Bibliotheken und die BibliothekarInnen ins Spiel, denn deren Fachkenntnisse lassen Bibliotheken am besten geeignet erscheinen, diese Herausforderungen anzunehmen. Dies auch deshalb, weil Bibliotheken die meiste Erfahrung mit der Digitalisierung ihrer Bestände haben als auch in Fragen der Langzeitarchivierung am weitesten fortgeschritten sind.

BibliothekarInnen sind weiters in ihrer ganzen Geschichte damit befasst gewesen, qualitativ Wertvolles von weniger Wertvollem zu trennen, Titelaufnahmen mit Metadaten anzureichern, sie zu kategorisieren und zu beschlagworten. Die – im Vergleich zu herkömmlichen Speichern – fast grenzenlose Kapazität eines Servers wird es erstmals möglich machen, alle erhaltenswerten Daten für spätere Generationen aufzubewahren (falls die Fragen der Langzeitarchivierung zufrieden stellend gelöst werden können). Auch eine weitere — für die sinnvolle Nutzung von Open-Access-Angeboten ganz wichtige – Aufgabe, die Schulung (digitaler) Informationskompetenz ist in den Händen der BibliothekarInnen gut audgehoben, tun diese solches doch im Rahmen analoger Medien schon seit Langem.

Es ist aber klar, dass die Umstellung von Bibliotheken auf Open Access nicht von diesen allein gestemmt werden kann. Dies muss – vor dem Hintergrund gesamtgesellschaftlicher Vorteile, die zweifelsohne einen Mehrwert erbringen, der die investierten Mittel weit übersteigt – eine politische Aufgabe sein und bedarf zusätzlicher, substantieller finanzieller Förderung.

Bibliotheken sind dem Open-Access-Prozess gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen, kämpfen aber mit Behinderungen, die es in der Zeit vor der Digitalisierung so nicht gegeben hat. Wenn Bibliotheken ein Buch gekauft oder ein Abonnement einer Zeitschrift abgeschlossen hatten, so gingen das reale Buch oder das reale Heft in ihren Besitz über und die Bibliothek konnte – im Rahmen der Schrankenregelungen oder des Fair Use – mit dem jeweiligen Exemplar frei verfahren. Bei e-books oder e-journals erhält die Bibliothek im Rahmen des Lizenzvertrages nur mehr ein (eng begrenztes) Nutzungsrecht, d.h. sie kann kein Eigentum mehr erwerben und ist in ihrer Handlungsfreiheit durch die Lizenzbestimmungen behindert. Das bedeutet z.B., dass das elektronische Werk nur in den Räumen der Bibliothek auf ganz bestimmten Arbeitsplätzen gelesen werden darf, was sowohl den Zugang von außen als auch die Möglichkeit der Fernleihe an andere Bibliotheken verhindert. Die (technisch mögliche freie) Nutzung wird also durch privatrechtliche Verträge(Lizenzen) viel weiter eingeschränkt als dies in vordigitaler Zeit üblich war, wodurch die Hauptaufgabe der Bibliothek extrem beschnitten wird.

Ein weiteres, die Budgets der Bibliotheken extrem belastendes Vorgehen der Verlage ist die Bündelung von unbedingt für die Bibliothek nötigen Zeitschriften mit anderen, weniger gebrauchten, zu einem gegenüber den Einzelpreisen zwar günstigeren, aber insgesamt doch teuren Paket.

Noch viel größere Probleme haben (vornehmlich Öffentliche) Bibliotheken bei e-books. Erstens weigern sich viele – vor allem große – Verlagshäuser, Bibliotheken überhaupt Lizenzen zur Verfügung zu stellen. Wenn es doch Lizenzen gibt, dann mitunter nur solche für weniger gefragte Titel, oder sie werden oft auf eine lächerliche Anzahl von Entlehnvorgängen begrenzt, dann muss die Bibliothek neuerlich um die Lizenz ansuchen. Wie bereits oben ausgeführt, können die Verlage der Bibliothek vorschreiben, wie sie mit dem Nutzungsrecht zu verfahren hat, widrigenfalls ihr dieses kalt entzogen werden kann. Die Bibliothek kann das e-book auch nicht archivieren, weil es ja nicht in ihr Eigentum übergeht.

Da Bibliotheken ihren KundInnen ja auch andere – an einen physischen Träger gebundene – Formen digitaler Medien (CDs, DVDs, Konsolenspiele etc.) zur Entlehnung zur Verfügung stellen, sind natürlich auch Fragen von Kopierschutz und Digital Rights Management (DRM) ein großes Thema.

Diese Probleme können nur mit einer Neuregelung von Urheberrecht bzw. Copyright beseitigt werden, haben also mit Open Access nur am Rande zu tun. Dennoch war es mir wichtig zu erwähnen, dass technischer Fortschritt durchaus auch zu Verschlechterungen für die Öffentlichkeit führen kann, was in anderem Zusammenhang (z.B. Überwachung) noch viel schlimmere Formen angenommen hat.

Fraglich ist noch, ob Bibliotheken durch die erweiterte Nutzung von Open Access Kosten einsparen können. Verschiedene Studien kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen, auch Preissteigerungen gegenüber dem Toll-Access-Modell sind demnach nicht ausgeschlossen.

4. Grenzen und Kritik von Open Access

Kritik an Open-Access-Strategien kommt hauptsächlich aus den Reihen der Verleger und aus der Wirtschaft. Erstere ist eindeutig vom möglichen Wegfall gewinnträchtiger Geschäftsfelder geleitet und somit von einer gesellschaftspolitischen Position widerlegbar, wird aber von manchen Wissenschaftlerinnen entweder aus einer traditionellen Denkweise heraus oder mit dem Argument unterstützt, Open-Access-Publikationen brächten nicht die gleiche Reputation wie Veröffentlichungen in herkömmlichen Journalen mit hohem Impact-Faktor und behinderten dadurch die wissenschaftliche Karriere.

Die Unternehmen sind oftmals Auftraggeberin für angewandte Forschung und fürchten aus Konkurrenz– und Profitgründen natürlich, durch Open Access Ergebnisse der von ihnen beauftragten Forschung Mitbewerbern gegenüber nicht mehr geheim halten zu können. Gleichzeitig profitiert die Wirtschaft aber auch von schnellerem und kostenfreiem Zugang zu Information. Hier ist genau der Punkt erreicht, wo die Diskussion von der Ebene der allgemeinen Sinnhaftigkeit zu einer der Gesellschaftsordnung führt, wo also die Debatte zwischen Weiterentwicklung der bürgerlichen Demokratie oder einem anderen Gesellschaftsmodell geführt werden muss.

Kritik an der Verortung von Open Access innerhalb der bürgerlichen Ordnung kommt von der Linken. Moniert wird einerseits die ideologische Begründung für Open Access im imperialistischen Diskurs einer „Entwicklungshilfe“ – dazu siehe Abschnitt 5 – aber auch die Tatsache, dass Open Access als technische Lösung alleine bestehende Ungleichheiten nicht zu vermindern vermag. „[Es]zeigt die aktuelle Definition der Golden Road des Open Access, dass es gerade die großen Wissenschaftsverlage sind, die es sehr genau verstanden haben, Open Access für sich und damit für eine weitergehende Vormachtstellung zu nutzen. War mit der Golden Road ursprünglich nur gemeint, Wissenschaftliche Beiträge offen und frei erstzuveröffentlichen (im Gegensatz zur Green Road, der freien und offenen Zweitveröffentlichung nach einer exklusiven Vermarktung der Beiträge durch privatwirtschaftliche Verlage), wird “golden” mittlerweile mehrheitlich so verstanden, dass privatwirtschaftliche Verlage nach Zahlung einer Publikationsgebühr die offene und freie Erstveröffentlichung der wissenschaftlichen Beiträge organisieren.“11 Eingefordert wird eine „faire[n] Teilhabe der Fabrikbelegschaften, KonsumentInnen oder anderen IdeengeberInnen an den Ergebnissen.“12

Im Bereich der wissenschaftlichen Grundlagenforschung wird immer wieder argumentiert, eine Pflicht für ForscherInnen (in öffentlicher Anstellung), Open Access zu publizieren, verstoße gegen die verfassungsrechtliche „Freiheit der Forschung und Lehre“. Dies ist insofern ein Irrtum, da niemand verpflichtet werden kann Ergebnisse ihrer/seiner Arbeit öffentlich zu machen. Wenn aber publiziert wird, dann muss es Open Access sein, falls das neue, ab 2014 gelten sollende Förderprogramm der Europäischen Union „Horizon 2020“ in Kraft tritt.

Eine gewisse Unsicherheit, sich auf Open Access einzulassen, kommt daher, dass die Verteilung der Rechte noch nicht ausreichend geklärt ist. Solange Wissenschaft, Forschung, Bibliotheken und Öffentlichkeit keinen – unter Umständen auch zu bezahlenden – Rechtsanspruch darauf haben, auf neue und aktuelle Informationen zugreifen zu können, solange es also ein freiwilliges Angebot der Verlage bleibt, das von diesen jederzeit abgeändert oder eingestellt werden kann, wird die Bedeutung von Open Access wahrscheinlich nicht den Umfang erreichen können, der notwendig ist um das derzeitige Publikationsverhalten grundlegend zu verändern.

In Bezug auf den grünen Weg zu Open Access ist vor allem die Dauer der Sperrfrist, bis wann digitale Veröffentlichungen in einem Repositorium hinterlegt werden darf, in Diskussion. Die Verlagswirtschaft verlangt natürlich möglichst lange Schutzfristen, während große Teile der Wissenschaft und die Öffentlichkeit fordern, dass es keine Verzögerung geben soll.

5. Open Access und Nord-Süd-Beziehungen

”The close link between scientific development and the social and economic wellbeing of a nation has long been recognised. Jawaharlal Nehru, India’s first prime minister, said: „It is science alone that can solve the problems of hunger and poverty, of insanitation and illiteracy… Who indeed can ignore science today? We need it at every turn.“ [7] Likewise, a 1982 UNESCO report states that „assimilation of scientific and technological information is an essential precondition for progress in developing countries“. [8] The InterAcademy Council says: „In a world moving rapidly toward the knowledge-based economies of the 21st century, capacity building in science and technology (S&T) is necessary everywhere. But the need is greatest for the developing countries.„13

Wie bereits im vorigen Abschnitt erwähnt, spielt Offenheit und damit auch Open Access in der Diskussion um gerechte Nord-Süd-Beziehungen eine große Rolle, oft aber in dem Sinn, dass der Norden in (post-)imperialistischer Großzügigkeit die ärmeren Länder an seinem Wissen teilhaben lassen will. Die sich entwickelnden Länder mögen diese Sichtweise naturgemäß nicht sehr gerne und stellen ihr ganz andere Argumente entgegen, warum die Zeit für Open Access bzw. Open Archiving reif sei.

Natürlich ist es wahr, dass die Länder des Südens auf Grund ihrer Armut noch viel weniger in der Lage sind als wir, die exorbitanten Kosten für traditionell oder digital gespeichertes Wissen aufzubringen. Auch die Forschungsetats sind verständlicherweise viel spärlicher bedacht. Aber die Länder des Südens haben auch eine Menge Wissen anzubieten, das bisher viel zu wenig beachtet wurde, vor allem im Gesundheits– oder Agrarsektor und Klimafragen. Das Ermöglichen eines gerechten Austauschs über Open Access würde also auch dem Norden großen Nutzen bringen.

Die Länder des Südens haben oft – auch das eine Folge von Imperialismus und Kolonialismus – sehr konservative Strukturen für ihre Bildungs– und Forschungslandschaft übernommen. Dennoch haben Länder wie z.B. Brasilien einen prozentuell wesentlich höheren Ausstoß an Open-Access-Journalen als manche Länder des Nordens. D.h. auch strukturell kann gegenseitiges Lernen durchaus erfolgversprechend und lohnend sein.

6. Résumé aus (linker) bibliothekarischer Sicht

“The debate on the value of open access to publicly funded research information is now migrating from ‚whether‘ to ‚how‘.”14 Die Open-Access-Bewegung hat eine Breite erreicht, die eine Implementierung auf jeden Fall erforderlich macht, unabhängig davon, ob damit eine Reform des Publikationsverhaltens innerhalb der bürgerlichen Ordnung gemeint ist oder darüber hinaus dieser Prozess als Teilbereich einer Transformation der gesellschaftlichen Verhältnisse dienen soll.

Hendrik Bunke vergleicht den Mainstream der Diskussion über Open Access in Deutschland mit der Revisionismus-Debatte innerhalb der SPD 1914: „Ausgangspunkt ist meine Verwunderung über die Stille im Wald der deutschen Bibliotheken im Bezug auf den Elsevier-Boykott. Etwas unreflektiert und vielleicht naiv war ich bis dato davon ausgegangen, dass wir alle doch für die Durchsetzung von Open Access kämpfen und deshalb hocherfreut über den Boykott, letztlich ein Aufstand der WissenschaftlerInnen ‚von unten‘, sein müssten. Falsch gedacht. Die Reaktionen waren sehr verhalten. Nur wenige BibliothekarInnen (die üblichen Verdächtigen) beteiligten sich überhaupt an der Debatte, geschweige denn am Boykott. Öffentliche Stellungnahmen von Bibliotheken waren nur sehr wenig zu finden. Das verwundert, auch wegen der auch in Deutschland doch recht großen medialen Aufmerksamkeit für das Thema. Es verwundert auch deshalb, weil das Thema Open Access sich in den letzten zehn Jahren in der Bibliothekenszene sehr wohl etabliert hat und auch aktiv gefördert wird durch Geldgeber und anhängende Institutionen. Aber auch die Protagonisten dieses langsamen Wandels schweigen größtenteils oder äußern sich sogar skeptisch.

Warum diese Zurückhaltung? Wir predigen seit Jahren die Vorzüge und Notwendigkeit von Open Access. Wir arbeiten tagtäglich hart daran, die Infrastruktur dafür aufzubauen. Wir beklagen uns, dass wir damit bei den WissenschaftlerInnen nur sehr langsam durchdringen, dass es uns nur unzureichend gelingt, sie zu überzeugen. Und dann wird (endlich!) eine sehr große Zahl von WissenschaftlerInnen aus aller Welt aktiv und erklärt, nicht mehr für Elsevier Journals schreiben oder reviewen zu wollen, weil sie Geschäftsmodell und Preise des Verlages für ausbeuterisch halten, erzeugt damit neuen Wind für Open Access, der es in die Medien, Politik und Staatsapparate (UK, EU) schafft. Und wir? Stehen daneben und schauen uns das Ganze mäßig interessiert und mit maximal skeptischer Neugierde an?

Einen Grund findet mensch — ähnlich wie bei der SPD vor 1914 — in der Akzeptanz und Integration von Open Access. Wir haben seit der Berliner Erklärung von 2003 — quasi unser Erfurter Programm — ja schließlich vieles erreicht. Kann man ja mal sagen. Aber offenbar werden wir da nun auch etwas… bequem. Und wir werden das Opfer unseres eigenen Erfolges. Die meisten deutschen Bibliotheken und OA-Protagonisten haben es sich in ihrer kleinen Nische gemütlich gemacht. Im Wesentlichen bemüht, das wenige bisher Erreichte zu erhalten, streben sie lediglich danach, auf Grundlage der Gesetze des Marktes ihren Anteil daran ein wenig auszubauen. Mit den Verlagen wird auf vielen Ebenen — auch im Open Access Bereich — fröhlich kooperiert und man ist dabei bemüht, sich bloß nicht irgendwie wehzutun. Ist ja auch ganz schön, mit den Mächtigen mal an einem Tisch sitzen.“15

Hinter der Debatte um Open Access steht die grundsätzliche Frage, wem Wissen eigentlich gehört, und das führt schnurgerade zur Diskussion um „geistiges Eigentum“, die eine zutiefst ethische und natürlich politische ist.

[…] eine ganze Reihe von Gründen angeführt werden, die darauf hinweisen, dass Institutionen zum Schutz so genannten „geistigen Eigentums“

• das Wirtschaftswachstum insgesamt eher hemmen und daher nur ein suboptimales
Wohlstandsniveau ermöglichen, da durch den Schutz von so genanntem „geistigen
Eigentum“ nur eine suboptimale Allokation von Wissen zur Steigerung von Effektivität und
Effizienz im Umgang mit knappen Gütern möglich ist;

• zur Reproduktion oder gar Verstärkung sozialer Ungleichheit beitragen;

• aufgrund der technischen Voraussetzungen, die zu ihrer Durchsetzung notwendig sind,
antiliberale– bzw. totalitäre Entwicklungen begünstigen.“16

Insgesamt lässt sich aus der Entwicklung der Schutzrechte für „geistiges Eigentum“ ablesen, dass es eine stetige Tendenz hin zu den Rechten von Verwertungsorganisationen gibt, wohingegen die Rechte der UrheberInnen, der NutzerInnen und insgesamt der Öffentlichkeit immer weniger Beachtung finden. Das ursprünglich als gerechter Ausgleich zwischen den verschiedenen Interessen von UrheberInnen, Verwertern, NutzerInnen und Öffentlichkeit angelegte Kräfteparallelogramm ist aus dem Gleichgewicht geraten. Gerechtigkeit ist aber eines der Grundthemen der Ethik, genauso wie die Ermöglichung eines „guten Lebens“ für alle, was hier sowohl philosophisch als auch sozial-ökonomisch gemeint ist.

Auch wenn es das Thema Open Access nur am Rande betrifft, möchte ich sowohl als Mensch, dem Kunst und Kultur sehr wichtig sind, als auch als Bibliothekar an einer Öffentlichen Bibliothek, der naturgemäß daran interessiert ist, dass Künstler ohne materielle Not kreativ tätig sein können, noch einmal darauf hinweisen, dass Open-Access-Strategien nicht eins zu eins auf künstlerische Produktion umgelegt werden können. Hier muss vielmehr das UrheberInnenrecht („das Arbeitsrecht der Kreativen“17) so geändert werden, dass KünstlerInnen erstmals(!) in ihrer Gesamtheit die Chance auf ein „gutes Leben“ bekommen.

1 http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/sonst_publikationen/VSA_Thie_Rotes-Gruen.pdf, S. 99 f.
2 http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/sonst_publikationen/VSA_Thie_Rotes-Gruen.pdf, S. 100 f.
3 http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/campus/open-access-es-wird-zeit-alle-alles-lesen-zu-lassen-1639084.html
4 http://www.hbz-nrw.de/dokumentencenter/tagungen/berlin6/Folie_Mueller_hbz_11112008.pdf
5 http://www.budapestopenaccessinitiative.org/read
6 http://www.earlham.edu/%7Epeters/fos/bethesda.htm
7 http://www.zim.mpg.de/openaccess-berlin/berlindeclaration.html
8 http://ec.europa.eu/research/era/pdf/european-bureau-of-library-information-documentation-associations-eblida_en.pdf
9 http://www.ifla.org/publications/ifla-statement-on-open-access-to-scholarly-literature-and-research– documentation
10
 http://eprints.rclis.org/17183/1/Herb_mit_Deckblatt.pdf S. 33
11 http://blog.die-linke.de/digitalelinke/ohne-gleichberechtigung-und-sozialen-ausgleich-bleibt-open-dicht/
12 http://blog.die-linke.de/digitalelinke/ohne-gleichberechtigung-und-sozialen-ausgleich-bleibt-open-dicht/
13 http://www.scidev.net/global/communication/feature/open-access-archiving-the-fast-track-to-building-r.html
14 http://www.scidev.net/global/communication/feature/open-access-archiving-the-fast-track-to-building-r.html
15 http://www.hbxt.org/2012/11/open-access-und-revisionismus.html
16 http://www.wissen-schaft.org/storage/files/konzept/60f617d9f21f4c86319d388219e03767.pdf
17 http://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2009/november/die-zukunft-des-wissens